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Geschichte des Heckschiffs GLORIA

Bau und Frühzeit des Ewer Gloria

Die Dokumentenlage über Bau und Frühzeit des Fahrzeugs ist so dürftig, dass sie sich in wenigen Sätzen wiedergeben lässt: Im Jahre 1897 beauftragte Johannes Pickenpack aus Neuenkirchen im Alten Land die Werft von D.W. Kremer in Elmshorn mit dem Neubau eines kleinen stählernen Frachtseglers. Der im Februar 1898 abgelieferte Neubau erhielt den Namen GLORIA und wurde mit Heimathafen "Lühe" ins Binnenschiffsregister des Amtes Jork eingetragen. Als Gattungsbezeichnung notierte man "Segelschiff, 1 Mast". Pickenpack hat den Ewer bis 1926 besessen — mehr gibt das Schiffsregister nicht her. Von Johannes Pickenpack ist überliefert, dass er einer Bauernschiffer-Familie entstammt. Der Erwerbszeig Ewerführerei wurde von seinem Vater begründet. Johannes Pickenpack bewohnte ein reetgedecktes Bauernhaus in Höhen hinter dem Lühedeich. Er betrieb dort neben der Schifffahrt einen Obsthof und eine Schweinemast, denen seine Ehefrau vorstand. Bei der großen Sturmflut 1962 brach der Lühedeich an dieser Stelle, so dass das Haus zerstört wurde - und damit alle Unterlagen des Eigentümers über die GLORIA.

Die Ewer des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Die Ewer und Jollen von der Lühe gehörten oft zu größeren Altländer Obsthöfen und segelten mit deren Produkten zu den jeweiligen Marktplätzen, wo die Ware direkt vom Schiff aus an die Endverbraucher verkauft wurde. Gerade die größeren Ewer waren dadurch aber bei weitem nicht ausgelastet und damit unwirtschaftlich. Deshalb übernahmen sie auch sonstige Transportaufgaben. Zunehmend wurde die Ewerführerei aber auch zu einem selbständigen Gewerbe. Dabei übernahm der Ewerführer nur noch Transportaufgaben. Nicht unüblich war aber auch, dass ein Ewerführer eine Ernte "auf dem Baum" kaufte, auf eigene Rechnung erntete, transportierte und verkaufte. Von der GLORIA ist überliefert, dass sie bis 1926 Getreide zu einer Mühle an der Lühe transportierte bis der Müller auf Zulieferung durch LKWs umstellte.

Viele Ewer und Jollen schipperten nicht nur nach Hamburg, sondern auch regelmäßig nach Bremen, Itzehoe, Elmshorn oder Berlin sowie an der Küste. Die Rümpfe der Lühe-Ewer durften eine gewisse Länge nicht überschreiten, damit sie im schmalen Oberlauf der Lühe noch drehen konnten; hinsichtlich ihrer Breite gab es dagegen keine Beschränkungen, da sie keine engen Schleusen passieren mussten wie zum Beispiel die Lägerdorfer Ewer. Solche revierbedingten Vorgaben erklären die auffällig kurze und breite Formgebung des schönen Ewer-Rumpfes der GLORIA.

Dass Schiffer aus dem Alten Land Neubauten in Stahl auf der "Holsteiner Siet" bestellten, war damals nicht unüblich und hatte einen einfachen Grund: Die niedersächsischen (damals "hannöverschen") Werften waren noch rückständiger als die holsteiner — sie begannen erst nach der Jahrhundertwende mit der Umstellung auf den Stahlschiffbau. Kremer aber hatte in Elmshorn schon seit 1889 eiserne Schuten mit Holzböden für den Hamburger Hafen gebaut, seit 1895 befasste sich die Werft auch mit stählernen Seglern. So ließ sich beispielsweise schon 1897 ein Schiffer aus Buxtehude bei Kremer einen stählernen Ewer bauen, der ebenfalls in der Gegenwart noch vorhanden ist. (Der Ewer MARGARETA von Buxtehude in Buxtehudes innerstädtischem Hafenfleth.)

Die weitere Geschichte

Auch die weitere Geschichte der GLORIA ist nur stichwortartig bekannt: 1926 wurde der Ewer an den Finkenwerder Frachtschiffer H. J. Meier verkauft, der ihm den Namen META II gab. Meier war es auch, der den ersten Motor einbauen ließ. Leistung: 25 PS. 1935 erwarb die auf Finkenwerder ansässige Deutsche Werft das kleine Fahrzeug und registrierte es unter dem Namen "D.W.6". Dort wurde es angeblich als Zubringer und Malprahm eingesetzt, auch soll es zum Auffischen von herumschwimmendem Pallholz nach Stapelläufen gedient haben.

Diese Beschäftigung setzte sich bis 1965 fort; ein Auge für die Besonderheit des kleinen Fahrzeugs und eine Pflege seiner Substanz hat es dort sicher kaum gegeben. Unter dem neuen Namen MAX arbeitete der kaum noch als Frachtsegler erkennbare Rumpf seit 1965 für mehrere kleine Umschlags- und Wasserbaufirmen im Hamburger Hafen. Denen diente er als selbstfahrende Motorschute im innerbetrieblichen Transport, inzwischen versehen mit einem 3-Zylinder Jastram- Motor von stolzen 50 PS und einem respektablen Steuerhaus.

Etwa 1978 erfolgte eine große Modernisierung: Der alte Holzboden, das Holzdeck und die hölzernen Lukensülle wurden entfernt, die bis dahin noch ihren Dienst versehen hatten (!), und durch stählerne Neukonstruktionen ersetzt. Im gleichen Zuge erfolgte der Einbau eines neuen Motors. Trotz all dieser Maßnahmen blieb MAX mit seinen 40 Tonnen Ladevermögen ein Miniatur-Frachter, für den es im Welthafen Hamburg nur noch in Nischensituationen Beschäftigung gab.

Motorschute MAX

Motorschute MAX in den 70er Jahren – Nischen-Idylle im Hamburger Hafen



Die Rettung

Es ist das Verdienst eines in Ewer vernarrten “Shiplovers”, dass der Rumpf nicht im Zuge der Konkursabwicklung unter den Schneidbrenner gekommen ist. Unter großem persönlichen Einsatz wurde das Fahrzeug entrümpelt und entkernt, der Motor verschrottet und die Bilgen gereinigt, die Außenhaut gründlich untersucht und ihre Stärke aufgemessen.

Hinsichtlich der ursprünglichen Gestalt haben die Untersuchungen folgendes Ergebnis gebracht: Der Ewer war mit einem hölzernen Boden und hölzernen Bodenlagern erbaut worden sowie mit einem Holzdeck auf stählernen Decksbalken. Achtern besaß das Schiff ein erhöhtes Quarterdeck ebenfalls aus Holz, darunter hatte sich die Kajüte des Schiffers befunden. Diese wurde bei der Motorisierung entfernt, dafür hat man das Logis nach vorn verlegt und damit den Laderaum vorn belegt. Dieses “Kistluk” wurde dazu mit einem Skylight versehen, so wie es heute wieder ist. Ursprünglich waren nur die Bordwände und das Schanzkleid aus Stahl, der Rest des Schiffes (und damit sein größerer Teil) bestand aus Holz.

Wie üblich hatte der Ewer Seitenschwerter und war einmastig getakelt mit einem Klappmast. Ruder und Pinne werden ebenfalls aus Holz bestanden haben. Viele alte Beschläge an Schanzkleid und Rumpf lassen relativ genaue Aussagen über die ursprüngliche Art von Rigg und Ausrüstung zu. Von den frühen Bauten der Kremer-Werft sind keinerlei Dokumente erhalten, so dass momentan der alte Rumpf selbst mit seinen Spuren als einzig sichere Quelle zur ursprünglichen geschichtlichen Gestalt Auskunft geben kann.

Auch aussagefähige frühe Fotografien sind bislang nicht aufgetaucht. Aufgetaucht sind jedoch durch einen glücklichen Dachbodenfund die leider nicht vollständigen Auftragsbücher der Werft D.W. Kremer. Für den Ewer GLORIA ist darin vermerkt:

"No. 68

Specification

eines eisernen Ewers für Herrn J. Pickenpack          Neuenkirchen

Dimensionen:
Länge im Boden: 44 Fuß          Alles Hamburger Maaß
Breite im Boden: 11 ½ Fuß
Breite über Deck: 16 ½ Fuß
Tiefe 5 Fuß von Unterkante Boden bis unter Deck gemessen
Boden aus 4 ½ Zoll starkem Fichtenholz
Bauchdielen aus 2 Zoll starkem Eichenholz
Lager 6 x 7 Zoll stark
Spanten von Winkeleisen 75 x 50 x 7 mm mit Gegenspanten 50 x 50 x 6 mm
Steven vorne scharf 20 x 100 mm und hinten ein Heck
Beplattung vom besten deutschem Siemens-Martin-Stahlblech 6 mm, der unterste Gang 7 mm stark
Schanzkleidung ebenfalls 6 mm, an der Oberkante mit Reelingeisen versehen
Deck von 2 ½ Zoll starkem Föhrenholz mit Rinnstein,
Halbdeck ebenfalls 2 ½ Zoll stark
Luken von Föhrenholz
Lukenrahmen von Eichenholz 3 Zoll stark, 12 Zoll hoch, die Giebel von Bord zu Bord gehend, der vorderste 5 Zoll, der hintere 4 Zoll stark.
Wandern 24 Zoll breit
Schwerter von Eichenholz
Spill mit Rädervorgelege, zum drehen eingerichtet. Eine kleine Winde hinter dem Mast zum Laden und Löschen
1 Köker von Eichenholz zum Mast.
Die Rundhölzer, wie Mast, Gaffel und Bäume von Lärchen oder Föhrenholz.
Kajüten hinten und vorn wie üblich ausgetischlert und gemalt
Vernietung 18 mm, die Längsnähte einfach und die Quernähte doppelt genietet
1 Querbalken aus Trägereisen
1 Telt 12 Zoll hoch
Kistluke vorn Eichenholz 3 Fuß im Quadrat, Rahmen dazu 4 Zoll hoch
2 Ankerklüsen, 2 Laufklüsen, 2 Kreuzklampen und
4 Lippklampen, 2 Kettenpiepen
2 gußeiserne Pumpen mit Pumpsrad.
Hinten und vorne eine Kombüsenpiepe mit Schornstein von Blech
2 Laternenbretter mit Szepter und 4 Geschirrszepter und Ruderklampen
Schotten von Eisen hinten und vorne.
Sämtlicher Beschlag an Rumpf und Masten und Rundhölzern wird mit geliefert
Das Inventar liefert der Bezieher selbst.
Das Fahrzeug wird 1 Mal (mit Leinöl und) (2 Mal) 3 Mal mit Ölfarbe gestrichen.

Sämtliche Arbeiten werden gut und solide ausgeführt und das zu verwendende Material wird vom besten genommen.

Zahlungsbedingungen:
Von der Kaufsumme bleiben 1000 M bis Weihnacht 1898 stehen. Von der übrig bleibenden Summe sind zu zahlen:
1/3 wenn der Boden liegt, 1/3 wenn das Fahrzeug beplattet ist und 1/3 bei Ablieferung.
Lieferzeit: 1. März 1898
Elmshorn, d. 25. III. 97.
Hinten am Heck erhält das Schiff noch ein Heck zum Einlegen der Gigg ".

Das Heckschiff GLORIA ( Schiff mit weitausladendem Heck) war schon beim Bau ein Solitär – es ist kein Beispiel eines vergleichbaren Schiffes bekannt, offenbar hat es überhaupt kein weiteres einmastiges Heckschiff gegeben. Heute existiert außer der GLORIA kein Exemplar der frühen Heckschiffe mehr. Die wenigen erhaltenen Beispiele dieses schönen Schiffstyps sind jüngeren Datums, erheblich größer und sämtlich ohne Holzboden konstruiert.

Restaurierung

Im Jahr 1999 hatte sich das ÜAZ-Elmshorn (heute Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein gGmbh) dazu entschlossen, am Ende der schiffbaren Krückau in Elmshorn eine Museumswerft einzurichten. Mit der "RIGMOR von Glückstadt“ war es gelungen, Deutschlands ältestes fahrendes Segelschiff zur Restaurierung nach Elmshorn zu holen. Nach deren Fertigstellung nahm man sich als zweitem Objekt der GLORIA an.

Die neu angekommene Gloria und die
restaurierte RIGMOR von Glückstadt auf der Museumswerft

Gloria im Elmshorner Hafen 2. August 2001     Gloria nach weniger als 2 Jahren, 26. Juni 2003

Das linke Bild zeigt die GLORIA unmittelbar nach Einlaufen in den Elmshorner Hafen am 2. August 2001. Man kann am Bug die eingebeulten platten zwischen den Spanten und Stringern sehen. Leider hat sich bei den folgenden Arbeiten gezeigt, dass so gut wie nichts am Bug mehr brauchbar war. Die nicht originalen Decksaufbauten am Bug sind entfernt worden.

Das rechte Bild zeigt die Gloria nach ihrem Landaufenthalt.

Am 13. September 2001 wurde die GLORIA mit Hilfe eines Autokrans aus dem Wasser des Hafens Elmshorn gehoben und an Land auf Pallhölzer gestellt. Die GLORIA in den Seilen
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2001: Hier steht die GLORIA bereits am Kai neben der Krückau auf Holzklötzen. Am Bug sieht man etwa auf halber Rumpfhöhe eine nicht so rostig scheinende Fläche. Der Eindruck täuscht. Auf dieser Fläche war eine Dopplung aufgebracht.Die innenliegende Fläche war hauchdünn und hatte einen schwarzen Konservierungsanstrich erhalten. Allerdings war es nur Rost, der da konserviert wurde. Der Bug musste deshalb komplett erneuert werden. GLORIA an Land 2001

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Das Heck im Jahr 2002 Das Heck vor den Umbauten von innen. Es befand sich in einem vergleichsweise guten Zustand, so dass nur einige Platten erneuert werden mussten. Die Konstruktion beim Loch für das Stevenrohr musste allerdings geändert werden.


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Der flache Boden der GLORIA

Der gut zu erkennende Flachboden war ursprünglich aus Holz, da man im Jahr 1898 die Technik der Stahlverformung noch nicht so beherrschte, dass ein Knick von rund 90 Winkelgraden im Übergang von der Rumpfseite zum Schiffsboden möglich gewesen wäre. Die Verbindung zwischen Stahlwand und Holzboden muss recht anfällig gewesen sein. Deshalb wurde die Holzbodenkonstruktion wohl 1978 durch einen Stahlboden ersetzt, der allerdings seinerseits bei der Restaurierung wieder komplett erneuert werden musste.

Die GLORIA in den Seilen, Teil 2 Am 26. Juni 2003 eroberte eine nicht wiederzuerkennende GLORIA wieder ihr Element und wurde ins Wasser gelassen.

Bis August 2004 wurde die GLORIA so weit restauriert, dass man mit ihr guten Gewissens öffentliche Fahrten auf der Krückau anbieten konnte. Seither wurden provisorische Deckel vor den Einstiegen durch eichene Schiebeluken, Türen oder Klappen ersetzt. Das Ankerspill der Elmshorner Maschinenfabrik Steen (Baujahr ca. 1956) ist betriebsbereit restauriert.

Kajüte



Der ehemalige Laderaum wurde zur Kajüte umgebaut. Die Wände wurden mit Holz verkleidet. Fächer wurden eingepasst und mit Holztüren verschlossen. Die groben Lukenabdeckungen wurden durch ein Oberlicht sowie gehobelte, naturfarben gestrichene und ineinander greifende Bretter ersetzt. Die Kajüte verfügt über Kojen, die gleichzeitig als Sitzplätze für bis zu 20 Passagiere dienen. Speziell gefertigte Tischchen vor den Sitzen laden zu Speis und Trank ein. Im Vorschiff befinden sich drei weitere Kojen und Sitzplätze.









Kombüse







Die Kombüse konnte, ebenso wie der Sanitärraum mit den erforderlichen Einbauten versehen werden: Gasherd, Kühlschrank, Spüle. Die teuersten Teile allerdings sieht man nicht. Dazu gehört das „Wasserwerk“, das die Spüle mit kaltem und über einen Boiler auch mit warmem Wasser versorgt. Der Boiler erhält die Wärme von einem Wärmetauscher, der an die Motorkühlung angeschlossen ist.















Das WC im Heck verfügt über eine elektrische Spülung. Das Spülwasser wird in einem Tank zur Entsorgung aufgefangen. Das Waschbecken wird mit warmem und kaltem Wasser versorgt.

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